Das Kartoffelkombinat


Wie aus einer Idee Deutschlands größte solidarische Landwirtschaft wurde
Einfach mal ausprobieren. Ohne Businessplan oder Millionen im Hintergrund und ohne externe Investoren. Genauso begann vor rund 14 Jahren die Geschichte des Kartoffelkombinats. Was heute als mitgliederstärkste solidarische Landwirtschaft Deutschlands gilt, entstand ursprünglich aus einer einfachen Frage: Warum ist es eigentlich so schwer, an gute Lebensmittel zu kommen, ohne dabei Umwelt, Böden oder Menschen auszubeuten?
Landwirtschaft gemeinsam organisieren
Das Prinzip des Kartoffelkombinats ist bewusst einfach gehalten: Die Mitglieder der Genossenschaft finanzieren gemeinsam den Anbau von regionalem und saisonalem Gemüse. Im Gegenzug erhalten sie einen Ernteanteil in Form einer wöchentlichen Kiste mit frischem Gemüse (und auch mal Äpfeln oder Pilzen). Anders als im Supermarkt geht es dabei nicht um perfekte Gurken oder maximale Gewinne. Entscheidend ist, wie die Lebensmittel produziert werden: regional, ökologisch und unter fairen Arbeitsbedingungen.
„Im eigenen Garten denkt niemand darüber nach, wie viel Rendite eine Karotte bringt“, sagt Daniel Überall, Gründer und Vorstand des Kartoffelkombinats. Genau diesen Gedanken habe man auf eine größere Gemeinschaft übertragen. Heute betreibt das Kartoffelkombinat westlich von München eine eigene Biogärtnerei bei Egenhofen. Rund 2500 Haushalte werden mittlerweile über das Modell versorgt.
Gegenmodell zur industriellen Landwirtschaft
Die Kritik der Genossenschaft richtet sich vor allem gegen die klassischen Mechanismen der modernen Lebensmittelproduktion. Böden werden zunehmend ausgelaugt, natürliche Kreisläufe zerstört und landwirtschaftliche Arbeit oft schlecht bezahlt. „Das heutige Wirtschaftssystem belohnt häufig diejenigen, die Kosten und Verantwortung auslagern“, erklärt Überall. Nachhaltigkeit bedeute deshalb nicht nur ein Bio-Siegel, sondern auch faire Bedingungen für Menschen und Natur.
Das Kartoffelkombinat versteht sich deshalb nicht als profitorientiertes Unternehmen, sondern als gemeinwohlorientierte Versorgungsstruktur. Gewinne stehen nicht im Mittelpunkt – es geht um langfristig gesunde Böden, stabile Ökosysteme und faire Löhne. Die Genossenschaft zahlt ihren Gärtnerinnen und Gärtnern nämlich bewusst höhere Löhne als in vielen landwirtschaftlichen Betrieben üblich. Landwirtschaft sollte kein Beruf sein, von dem man kaum leben könne.
Vom Experiment zur Bewegung
Als die ersten Gemüsekisten 2012 ausgeliefert wurden, war eigentlich erstmal nur eine kurze Testphase geplant. Doch schon nach wenigen Wochen wollten die Teilnehmenden weitermachen – und brachten Freunde und Bekannte mit. Aus dem kleinen Experiment entwickelte sich Schritt für Schritt das bekannteste Projekt solidarischer Landwirtschaft in Deutschland. Mitglieder können dabei nicht nur ihre Kisten abholen, sondern sich auch aktiv beteiligen – etwa beim Mitgärtnern, bei thematischen Workshops oder Hoffesten.
Die Genossenschaft wurde inzwischen von der EU-Kommission als beste Biolandwirtschaft Europas ausgezeichnet, ist außerdem erste Slow-Food-Farm Deutschlands, Mitglied bei Naturland und gilt europaweit als Vorzeigeprojekt für alternative Landwirtschaftsmodelle.
Eine Idee, die wächst
Was als neugieriges Ausprobieren begann, ist heute für viele Mitglieder weit mehr als nur eine Gemüsekiste. Das Kartoffelkombinat zeigt, dass Landwirtschaft auch anders funktionieren kann: regional statt globalisiert, gemeinschaftlich statt profitorientiert und mit dem Anspruch, natürliche Ressourcen langfristig zu erhalten. Oder wie Daniel Überall es formuliert: „Es ist nicht immer alles alternativlos.“
